Zwischen den Dingen

Bilder: Masterthesis, Material Culture Design, Zwischen Dingen, von Lasse Johannes Köhler, Bilder: Hochschule Wismar/ Fakultät Gestaltung/ Fabian Gröger

Project Infos

Year: 2026

Studycourse:
Product Design

Supervisor:
Raupach, Ilka, Prof.Schulz, Stephan, Prof.

Participants:
Lasse Johannes Köhler

Project type:

Masterarbeit von Lasse Johannes Köhler, Hochschule Wismar, Material Culture Design, 2026

„Was macht ein Ding zu mehr als einem Gegenstand? Was bleibt an dem Ding, das sich unserer Kontrolle entzieht? Sind Dinge nur passive Materie, oder gestalten sie unser Leben und unsere Kultur aktiv mit? Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt einer Masterarbeit, die an der Schnittstelle von keramischer Praxis, Designtheorie und Philosophie das Verhältnis zwischen Mensch, Material und Objekt grundlegend neu befragt.

Den Einstieg liefert Franz Kafka. In seiner Prosaerzählung Die Sorge des Hausvaters (1919) begegnet uns Odradek: ein Ding ohne Funktion, ohne Kontext, ohne Geschichte, aus der es stammt. Es entzieht sich jeder Kategorisierung und existiert trotzdem vollständig, in seiner Art abgeschlossen. Odradek bildet nicht das Thema der Arbeit, sondern ihre Haltung: Die Überzeugung, dass ein Ding, das sich der Einordnung entzieht, deshalb nicht weniger ist, sondern möglicherweise einen anderen Zugang zur Wirklichkeit eröffnet.

Jane Bennetts Konzept der thing-power wendet sich gegen die tief verwurzelte Vorstellung, dass allein Menschen handeln, während Dinge passiv warten. Materie ist wirksam und eigenständig. Sie stößt Prozesse an, blockiert Vorhaben, verändert den Lauf der Dinge durch ihre pure physikalische Präsenz. Vilém Flusser ergänzt: Jedes gestaltete Objekt trägt unsichtbare Imperative in sich, eingeschriebene Vorstellungen davon, wie man es benutzen soll. Durch Gewöhnung werden diese Imperative unsichtbar. Wir schauen durch die Dinge hindurch, statt sie wirklich zu sehen.

Beide Positionen gewinnen in einer beschleunigten Gesellschaft besondere Dringlichkeit. In einer Welt, in der Dinge produziert, konsumiert und ersetzt werden, bevor man sie wirklich wahrgenommen hat, stellt die Arbeit eine grundlegende Gegenfrage: Was entsteht, wenn man dem Material zuhört, statt es zu zwingen?

Die praktische Auseinandersetzung findet im Atelier statt, in drei Werkgruppen: Das Zylindergefängnis befragt die Vasenform als eingeschriebenen Imperativ. Die lebhaften Materien entstehen aus dem Moment, in dem dieser Imperativ verlassen wird, durch schnelles Arbeiten, durch Addition und Subtraktion von Tonfragmenten, durch das Entstehen von Objekten, die Bennetts Assemblage materiell verkörpern. Die Glasur und der Ofen beschreiben die radikalste Form des Kontrollverlusts, in der das Ergebnis nie allein dem Gestalter gehört.

Die 21 entstandenen keramischen Objekte sind keine Illustrationen einer Theorie. Sie sind Zeugnisse einer Verhandlung zwischen Gestalter, Material und Prozess. Sie entziehen sich der schnellen Einordnung, verlangen Aufmerksamkeit und erinnern daran, dass Materie alles andere als passiv ist. Im Mit statt im Für. Mit der Welt, nicht von ihr.”

Text: Lasse Johannes Köhler, 2026


Diese Arbeit erhielt den DIA-Sonderpreis 2026.

Lasse Johannes Köhler in der Werkstatt

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