Faltdach im Innenhof Basilika Mariazell

Dach West

Projektinfos

Jahr: 2009

Studiengang:
Architektur

Betreuer:
Prof. Dipl.-Ing. Matthias Ludwig

Teilnehmer:
Sarina Abraham & Bianca Brandt

Projektart:
Gruppenprojekt

Mariazell – der bedeutendste Wallfahrtsort in Österreich – ist auch ein ganz normales Dorf. Doch die schier unüberschaubare Zahl der Pilger verhindert während der Sommermonate, dass die Gemeinde ihre sonntäglichen Messen in »ihrer« Kirche feiern kann. Als Ausweichquartier dient seit den 70er Jahren ein Raum, der dem historischen Innenhof des Superiorat-Gebäudes mittels eines Zeltdachs abgerungen wurde.

Dieses Dach stört in seiner Massivität die Raum- und Blickbeziehungen unter- und oberhalb seiner selbst. Zu entwickeln war daher »nur« ein neues Dach. Die vordergründig einfache Aufgabe zeigt sehr bald seine Komplexität im Spannungsfeld zwischen Historie, Raumhöhe, Raumbildung, Funktion und Konstruktion. Nicht wenige Studierende verweigerten sich der Aufgabe und planten stattdessen Neubauten außerhalb des Innenhofs.

Die Arbeit von Sarina Abraham und Bianca Brandt zeigt hingegen eindrucksvoll, wie man einem idealen Ergebnis sehr nahe kommen kann. Die Grundform des Dachs ist sowohl in der Aufsicht als auch im erlebbaren Innenraum ein exaktes Rechteck. Es orientiert sich an der Form des Innenhofs, ohne an dessen historische »Schiefheit« einfach anzubauen. Zudem verbleibt so ein länglicher Vorraum, der mit Glas gedeckt wird.

Dieser Vorraum ist funktional eine Neuinterpretation des Westwerks – ein vorbereitender Eingang: statt des niedrig + dunkel zu hoch + hell einer historischen Kirche gibt es hier eine Raumabfolge hoch + hell zu niedrig + dunkel. Ganz nebenbei wird aber auch die historische Tiefe des Innenhofs an dieser Stelle durch das Freistellen der gesamten Wand erlebbar. Das Hauptproblem des neu zu planenden Dachs war jedoch die zu erzielende Raumhöhe.

Das Dach muss unterhalb der Fenster des 1. Obergeschosses angeschlossen werden, um Belüftung und Belichtung dahinter liegender Räume sicherzustellen. Übrig bleiben im Erdgeschoss ca. drei bis vier Meter Höhe bei einer Grundfläche von ca. 400 m². Die Lösung von Sarina Abraham und Bianca Brandt entwickelt zu diesem Proportionsproblem eine ganz eigenständige Haltung. Sie versuchen erst gar nicht der Decke das Drückende zu nehmen, sondern nutzen sie für ihre Zwecke. Die aus Dreiecken gefaltete Decke wirkt nämlich umso eindrucksvoller, je schräger der Blickwinkel wird: schon eine kleine Amplitude wirkt gewaltig. Die teilweise gläsernen Dreiecke sorgen für eine ausreichende, aber nicht übermäßige Helle und verstärken durch Schatten, Halbschatten und Reflektion die räumliche Dimension der Decke. Das neue Dach, das auch von oben seine Qualitäten hat, erhöht den Wert der Arbeit.

Sarina Abraham und Bianca Brandt zeigen mit ihrem Faltteppich, dass eine komplexe Aufgabe einfach gelöst werden kann, ohne sich in einen Sol LeWitt’schen Minimalismus zu flüchten. ( gg )

Dach Nord-West
Schnittmodell
Untergeschoss
Erdgeschoss

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