Geliebte Stimme

Cocteau kannte noch kein Handy, aber...

Projektinfos

Jahr: 2005

Studiengang:
Kommunikationsdesign und Medien

Betreuer:
Prof. Dipl.-Journalist, Dipl.-Regisseur Jochen Wisotzki

Teilnehmer:
Steffi Kloss

Projektart:
Abschlussarbeit

Experimentalfilm / DIPLOMARBEIT / DV / 4:3 /14 min. / Buch und Realisation: Steffi Kloss

Experimenteller Film in der Verbindung von Realfilm und Typographie nach dem gleichnamigen Theaterstück von Jean Cocteau. Die Autorin greift damit ein dramaturgisches Experiment Jean Cocteaus auf, dessen Rezeptionsgeschichte 1930 begann und transformiert es vielschichtig in eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Wirkungsmechanismen auditiver und visueller Kommunikatiosstrategien.


FILMREZENSION

Steffi Kloss greift mit ihrem Diplomfilm ein dramaturgisches Experiment Jean Cocteaus auf, dessen Rezeptionsgeschichte 1930 begann und transformiert es vielschichtig in eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Wirkungsmechanismen auditiver und visueller Kommunikatiosstrategien. Sie hat einen überraschenden Film gemacht.
Auch Cocteau hat das Publikum seinerzeit überrascht: mit einem Bühnentext, der nur die Hälfte eines Dialoges wiedergibt - den der Protagonistin – ohne dass diese einseitigen Kommunikationsfragmente als Monolog aufgefasst werden könnten. Eine Herausforderung an die Phantasie des Lesers, die ihre logische Verankerung dennoch in einer auch damals schon verbreiteten Kommunikationserfahrung hat: dem Telefonat.
Cocteau lenkt auf diese Weise die Aufmerksamkeit des Lesers beziehungsweise Zuschauers auf die Emotionen der Protagonistin im Dialog mit dem für sie entkörperten Partner. Das Kommunikationsmittel Telefon erweist sich darin zugleich als Medium und Inkarnation der Entfremdung -  vielleicht sollte man den Vorgang allerdings besser „Inplastikation“ nennen...

 Es ist vor allem dieses Grundthema, das Steffi Kloss in ihrer Adaption aufgreift und für das sie dramaturgische Konsequenzen aus der technischen Entwicklung der Telekommunikation und der visuellen Medien zieht. Ähnlich wie die Kamera durch ihre in den 50er Jahren gewonnene Leichtigkeit vom Stativ befreit wurde und als „entfesselte Kamera“ auf der „vogue nouveau“ Räume in der visuellen Kommunikation mit dem Zuschauer auf völlig neue Weise erschloss, nutzt sie das „entfesselte Telefon“ zu einer Visualisierung der wachsenden Distanz zwischen beiden früheren Partnern.
Die Rezeptionsgewohnheiten durchbrechende Montage von Fotografie, animierter Typografie und auditiver Ebene in diesem Film führt zu einer Erweiterung der künstlerischen Untersuchung von Kommunikationsprozessen aus dem thematischen Kern des Stoffes (Trennung per Telefon) auf die audiovisuelle Kommunikation mit dem Rezipienten (Kann er meine Intentionen aufgreifen).

 Im erblühten Zeitalter des Handys liegt es nahe, aus dessen wesentlich neuer Eigenschaft, unterwegs telefonieren zu können, eine dramaturgische Idee zu entwickeln, um diese Eigenschaft im Kontext des ursprünglichen plots zu untersuchen.
Die Diplomandin hat diese Idee in der Aufgabe der ursprünglichen Einheit des Ortes, in der Entfesselung auch der Kamera gefunden. Die Struktur des Stücks gibt ihr dazu eine Steilvorlage: der Aufenthalt des Partners ist nicht definiert, es ändert auf den ersten Blick nichts am Wesen der literarischen Vorlage, wenn die Autorin ihn in der visuellen Inszenierung auf einem Gang durch die Stadt begleitet, die Kamera seinen subjektiven Blickwinkel einnimmt.

 Auf den zweiten Blick, oder besser: für das Ohr, hat diese Idee natürlich gravierende Konsequenzen, zumal die Beobachtungen dieses Ganges das wesentliche fotografische Element des Filmes geworden sind. Wollte man diesen Gang den Rezeptionsgewohnheiten entsprechend darstellen, müsste nun die Stimme des Mannes zu hören sein, ein neuer Text erfunden. Das Experiment des kreativen Umgangs mit Cocteaus Vorlage wäre gescheitert, denn nichts bliebe von ihm übrig.  Doch an dieser Stelle greift die Autorin in die Trickkiste multimedialer Ausdrucksmöglichkeiten, verzichtet auf die normative Kongruenz von Bild und Ton und führt „Die Stimme“ als typographische Inszenierung in die visuelle Ebene ein. Der Zuschauer muss nun lesen.

 Ein Wagnis in der Kommunikation mit ihm, aber ein Wiedergewinn von Cocteau. Im Zentrum der Wahrnehmung steht durch diesen Kunstgriff wieder „die Stimme“, der Teil des Dialogs, über dessen konnotative Wahrnehmung wir die Kurven der psychischen Befindlichkeit der Protagonistin nachvollziehen können.  Im Subtext des fotografischen Hintergrundes erleben wir in einer Parallelmontage die Protagonistin im engen Bildausschnitt eines geschlossenen Raumes fixiert auf ihr Telefon, den Antagonisten sich stetig von ihr entfernend in die Unverbindlichkeit des öffentlichen Raums-
Einem genrespezifischen Muster des Kurzfilms entsprechend ergänzt die Adaption den gekürzten und modifizierten Text auf der visuellen Ebene um eine weitere dramaturgische Figur: die überraschende Wende am Schluss, die Pointe. Hier sogar als doubletake: kaum ahnen wir, dass sich das Objekt der Sehnsucht nicht nur entfernt hat, sondern sich sogleich einer neuen Liebe zuwendet, wird die Kontaktmöglichkeit jäh unterbrochen: „The person you called is not availible right now.“ Das kannte Cocteau so noch nicht.

 Die ständige Erreichbarkeit – ortsungebunden durch das individuell designte Funktelefon – auch sie erweist sich als Chimäre der Kommunikation.
In der fotografischen Bildgestaltung trifft die Autorin gleich zu Beginn eine Verabredung mit dem Zuschauer. Die kurzen Beobachtungen im geschlossenen Raum der Protagonistin werden mit einer den Sehgewohnheiten des Zuschauers entsprechenden Verschlusszeit von 50 Halbbildern pro Sekunde gedreht und beschränken ihn auf die Rolle des Voyeurs. Für die parallel montierten Bewegungsbeobachtungen wird durchgehend die subjektive Sicht des Antagonisten und eine lange Verschlusszeit gewählt, die zu Verwischungen und Verzögerungen in der Bewegung führt und die Wahrnehmung des Raumes häufig auf grafische Strukturen reduziert – wohlgemerkt nicht zur Unkenntlichkeit.

 Auf diese Weise wird zugleich das Moment der Bewegung verstärkt und die fotografische Eindeutigkeit des abgebildeten Raumes relativiert. Vor diesem Hintergrund heben sich die typografischen Strukturen deutlich lesbar ab und gewinnen bei ihrem Auftreten stets wieder semantische Qualität, ohne die fotografische Ebene je ganz aus der Wahrnehmung zu verdrängen. Sowohl in der vertikalen als auch in der horizontalen Montage changiert die Dominanz der Wahrnehmung gewissermaßen zwischen Bild und Begriff.

Auf der auditiven Ebene verstärken Wechsel und Überlagerungen von akustischer Atmosphäre und Musik diesen Effekt. Unterschiedliche Schriftgrade, Anordnungen in Fläche und Raum, Bewegungsrichtungen und vor allem -Tempi der Schrift lenken die Aufmerksamkeit zusätzlich auf den semantischen Aspekt des Textes.
Sie haben zugleich prononcierenden, interpretierenden Charakter. Der ist allerdings nicht immer nachvollziehbar. Wiederholt werden vor allem durch unterschiedliche Tempi der Schriftbewegung syntaktische Zusammenhänge aufgebrochen und erschweren die Rezeption. Gelungen im Einsatz dieser Gestaltungsmittel ist wiederum der Wechsel zwischen flächengestaltender Einbindung der Typografie in den Hintergrund, und der Auffassung des Textkorpus als bewegtes Objekt im fotografierten Raum.

 In dieser Arbeit verbinden sich wohlbegründete dramaturgische Entscheidungen und eine vielschichtige, aufeinander bezogene Anwendung multimedialer Gestaltungsmittel zu einem originellen Ganzen, das die Emotionen und den kritischen Verstand des Zuschauers gleichermaßen herausfordert. Eine gelungene Versuchsanordnung also. Was bei dem Experiment herauskommt, muss sich bei einem Film in der Reflexion der Zuschauer erweisen.                             Jochen Wisotzki                                                                                                                    

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