Als ich im Oktober 2022 von der Brandstiftung im ‚Schäfereck‘ hörte, be-
schäftigte mich vordergründig der Gedanke an die Menschen, die dort
in Gefahr gebracht wurden. Der anfängliche Schock und das Entsetzen
über die Tat führten mich schnell zu der Frage, welcher Mensch absicht-
lich einen Schutzort in Brand steckte, an dem Menschen lebten, die vor
Gewalt und Krieg fliehen mussten. Wieso gefährdete jemand mutwillig
das Leben von Menschen, die sich vor Gefahr in Sicherheit bringen woll-
ten? Auch die Fragen, wie die betroffenen Personen mit der Situation
zurechtkamen und wie die verantwortlichen Institutionen daraufhin re-
agierten, ließen mich nicht los.
Von Brandanschlägen auf Geflüchtetenunterkünfte bekommt man über
die Nachrichten immer wieder mit. Man liest von politisch motivierter,
rechter Gewalt gegen Asylsuchende und die Einrichtungen, in denen
sie unterkommen. Jede dieser Meldungen ist erschreckend und lässt
mich an der Menschlichkeit mancher Menschen zweifeln. Sie scheinen
ihren Unmut über politische Entscheidungen und ihren Fremdenhass
an denjenigen auslassen zu wollen, die humanitären Schutz benötigen.
An Menschen, die ihre Heimat aus lebensfeindlichen Gründen verlassen
mussten.
Die Nachricht, dass eine Unterkunft unweit von meinem eigenen Wohn-
ort angezündet wurde, löste durch den persönlichen Bezug eine größe-
re Anteilnahme in mir aus als vergleichbare Anschläge. Ich vermute, je
mehr Überschneidungspunkte es zwischen dem Leben der betroffenen
Personen und dem eigenen gibt, desto eher versucht man, sich gedank-
lich in ihre Lage zu versetzen und fühlt noch stärker mit ihnen. Der Ge-
danke, dass sie hier nicht sicher waren, beschäftigte mich nachhaltig.
In Gesprächen mit meinen Mitmenschen tauschte ich mich in den Wo-
chen nach dem Brand regelmäßig über den Informationsstand zu dem
Thema aus. Es gab viele Vermutungen über die möglichen Motive, die
dahinter stecken könnten. Auch die Medien berichten bundesweit über
die Brandstiftung und einen vermuteten politischen Hintergrund. Als
das Auftauchen einer Hakenkreuz-Schmiererei bekannt wurde, schien
die Geschichte für viele Außenstehende klar zu sein: Ein Brandanschlag
auf Geflüchtete in Mecklenburg-Vorpommern - „keine Überraschung,
da leben eh so viele Nazis“. Doch so „eindeutig“, wie es anfangs zu sein
scheint, ist es bei näherem Hinsehen nicht.
Mir war wichtig, das Offensichtliche zu hinterfragen, mich mit den kom-
plexen Zusammenhängen auseinanderzusetzen und zu versuchen, ne-
ben Schwarz und Weiß auch die Zwischentöne zu betrachten.
Gerade weil es sich bei Brandanschlägen auf Geflüchtetenunterkünfte
nicht um Einzelfälle handelt, sondern diese immer wieder vorkommen,
ist es wichtig, sich die einzelnen Fälle genau anzuschauen und zu ver-
stehen, was dahinter steckt. Um solchen Taten gesellschaftlich entge-
gensteuern zu können, müssen wir versuchen herauszufinden, welche
Umstände dazu führen und was sie begünstigt. Wir sollten in den Dialog
miteinander treten und dürfen die Taten nicht in Vergessenheit geraten
lassen.
Aus diesen Gründen traf ich die Entscheidung, mich im Rahmen meiner
Diplomarbeit mit der Brandstiftung in Groß Strömkendorf zu beschäfti-
gen. Ich habe mich an den Ort des Geschehens begeben, habe mich um-
geschaut und beobachtet. Ich habe den Kontakt zu Menschen gesucht,
die auf verschiedene Weisen selbst von dem Brand betroffen waren oder
aus dem engen Umkreis der betroffenen Personen kamen. Ich bin mit
ihnen ins Gespräch gegangen, um mehr über die Umstände und Hinter-
gründe des Ganzen herauszufinden. Zudem habe ich mich fotografisch
mit den Themen auseinandergesetzt und die Ereignisse auf eine freie
Weise dokumentiert. Mein Ziel war es, die Geschichte des ‚Schäferecks‘
als Schutzort zusammenzutragen und sie zu erzählen.
Lea Strauß