Wie wir morgen Leben werden

Außenansicht der Moskauer Wohnblöcke mit den angefügten Kapseln

Projektinfos

Jahr: 2021

Studiengang:
Innenarchitektur

Betreuer:
Prof. Dipl.-Ing. Gerd BaronProf. Dipl.-Ing. Bettina Menzel

Teilnehmer:
Tatiana Lebedeva Masterthesis

Projektart:
Abschlussarbeit

Seit 2017 sollen in Moskau die typischen Plattenbauten verschwinden und durch 20-stöckige Neubauten ersetzt werden.

Seit 2020 befindet der Mensch sich in einer Pandemie, die aller Wahrscheinlichkeit nach langfristig Einfluss auf unser Leben haben wird.

"Wie wir morgen leben werden" ist der Titel von Tatiana Lebedevas Masterthesis. Sie beschreibt darin eine alternative Entwurfslösung für die Plattenbauten im Kontext der postpandemischen Veränderungen im Wohnraum.

Unser Wohnraum verändert sich nicht zum ersten Mal durch eine Krankheit, die alle Bevölkerungsschichten erreicht. In der Vergangenheit gab es zahlreiche ähnliche Fälle. Tatiana Lebedeva setzte sich mit der Tuberkulose um die Zeit der Industrialisierung auseinander und wie diese Krankheit die Architektur beeinflusste. Unter anderem entstanden Sanatorien, große Erholungszentren, die den Menschen vor allem frische Luft ermöglichten und mit ihrer großzügigen und luftigen Bauweise auffielen. 

Des weiteren vergleicht sie die Entwicklungen der Hygienestandards innerhalb jener Zeit mit ähnlichen Entwicklungen im Jahr 2020. Ein Beispiel dafür sind die hygienischeren Türgriffe in Krankenhäusern. 
In ihrer Recherche ging sie auf weitere Beispiele ein, wie sich die Pandemie langfristig auf unser Leben auswirken könnte. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf dem zu Hause. Normalerweise findet dort beinahe ausschließlich Freizeit und Kommunikation statt. Durch das Homeoffice, welches seit dem ersten Lockdown überall Einzug gehalten hat, finden Freizeit und Arbeit parallel statt und ein digitaler Dritter Raum dient zur Kommunikation. Diese drei "Orte" werden indirekt innerhalb des Raumprogramms aufgegriffen, wie weiter unten zu lesen ist. 

Um mögliche neue Grenzen im privaten Raum zu erörtern, folgt die Betrachtung der Veränderung der Grenzen des privaten Raums in Russland innerhalb der letzten 100 Jahre. 
Die räumlichen Grenzen haben einige radikale Wandlungen vollzogen. Vor der Revolution wurden Privatsphäre und Familie in Russland großgeschrieben. Nach der Revolution gab es keinen privaten Raum mehr. Alles wurde geteilt und war dem Kollektiv angehörig. So kam es, dass statt ursprünglich einer Familie plötzlich 10 Familien in einer Wohnung lebten. Mit Gründung der UdSSR kam es wieder zu einer Wandlung, wobei der private Raum an Bedeutung gewann und Eigenbesitz wieder möglich war. Aus dieser Recherche finden sich ebenfalls einige Strukturen und Erkenntnisse im Entwurf wieder.

Bei den Gebäuden in Moskau handelt es sich um einen Stadtteil im Südwesten Moskaus. Dieser Stadtteil ist beispielhaft für Weitere, die nach dem gleichen Prinzip aufgebaut sind. In Moskau werden dieses Stadtteile "Mikrorayon" genannt. Sie entsprechen dem "20 min Neighbourhood concept", welches besagt, dass Menschen max. 20 min bereit sind, zu Fuß zu gehen, um ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen. Diese Tatsache bildet die Erklärung, weshalb sich Tatiana Lebedeva für diesen Stadtteil entschieden hat. Innerhalb des Stadtteils befinden sich Kindergärten, eine Schule, öffentliche Gebäude und etwa 30 Plattenbauten der Serie 1-510 und 9 Häuser der Serie 1-515. 

Das Raumprogramm, welches Tatiana Lebedava in ihrer Abschlussarbeit beschreibt, bezieht sich auf einen Plattenbau der Serie 1-510. In Russland werden sie "Chruschtschowka" genannt, nach Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, welcher den Bau solcher Plattenbauten initiierte. 
Den ursprünglichen Baukörper löst Tatiana Lebedeva in sechs kleinere Blöcke auf. Dazu werden Teile des Gebäudes entfernt, um dem späteren Nutzer mehr Tageslicht im Innenraum zu ermöglichen. Immer zwei Blöcke sind durch das Erdgeschoss miteinander verbunden. Diese drei Blöcke sind durch Brücken miteinander verbunden, sodass der ursprüngliche Block immer noch zusammengehört. 
Um den verlorenen Wohnraum auszugleichen, werden zu den fünf ursprünglichen Geschossen zwei Wohngeschosse ergänzt. Außerdem befinden sich auf den Dächern gläserne Farmen, um Gemüse anzubauen.  

Das siebengeschossige Gebäude wird weiterhin durch Strukturelemente ergänzt, in Form von personalisierten Wohnkapseln. Die Wohnkapseln sind den Loggien und Balkonen des urspünglichen Gebäudes entlehnt. Sie sind aus den Abrissmaterialien des Plattenbaus. Sie sollen die Möglichkeit zur Flucht aus dem Alltag und dem Eintauchen in eine andere Welt bieten. Jede Kapsel ist an die Wünsche und Bedürfnisse des Bewohners angepasst und wird per Abonnement für ein Jahr oder länger gebucht. Dadurch ist sie an alle Veränderungen des Lebens anpassbar. (Beispielkapseln sind bei den Bildern zu einsehbar)

Neben den Wohnkapseln als zusätzlichen privaten Raum gibt es noch die sogenannten "Marktplätze". Diese befinden sich immer im Zentrum des Gebäudes und ermöglichen Co-Working und soziale Kontakte (siehe Grundriss).

Insgesamt ist das Gebäude vertikal in drei Teile eingeteilt. Jeder Teil umfasst vier Wohnungen und einen "Marktplatz" (siehe Schnitt). Im Erdgeschoss befindet sich ein Desinfektionsraum, ein Gesundheitsscanner, eine Werkstatt mit 3D-Drucker zum drucken von Haushaltsgegenständen und Lagerfläche für Lebensmittelvorräte. Dementsprechend bildet das Wohnhaus ein autonomes System, welches speziell für eine längere Quarantäne ausgelegt ist. 
Hierzu bietet es genügend Raum für soziale Kontakte, wobei die Kontakte trotzdem beschränkt und kontrolliert sind. Im privaten Raum kann man durch die Wohnkapsel einen Ort der Gelassenheit und Unbefangenheit aufsuchen. Arbeit und Freizeit lassen sich durch das strukturiere Raumprogramm deutlich voneinander trennen und gestatten trotzdem genügend Flexibilität, um individuell jedem Bewohner zufrieden zu stellen.

 

 

Beispielinterieur einer Kapsel eines Biologiestudenten welcher Pflanzen anbaut und online verkauft; in der Kapsel befindet sich ein kleines Ökosystem welches der Nutzer zum Forschen und Entspannen nutzen kann
Beispielinterieur einer Kapsel von einer Familie mit zwei Kindern; durch den Verlust des unbekümmerten Draußen seins und spielen durch Klimakriese und Pandemie entsteht für die Kinder in der Kapsel einer Schneelandschaft gleichend ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit
Beispielinterieur der Kapsel einer älteren Dame und ihrer Katzen; in Erinnerung an Parks und Baumkronen kragen Astähnliche Gebilde aus den Wänden der Kapsel in den Raum, welche den Katzen optimale Aufenthalts- und Bewegungsmöglichkeiten bieten
Ein Gemeinschaftsraum, der Co-Working-Space und Marktplatz der Zukunft sein soll
Beispielgrundrisse einiger Wohneinheiten an welche Kapseln mit unterschiedlichster Topografie angegliedert sind
Schnitt durch ehemals Fünfstöckiges nun Siebenstöckiges Haus (1. Desinfektionsbereich mit Gesundheitsscannern, Werkstatt mit 3D-Druckern zum Drucken von Haushaltswaren und Lager für Lebensmittelvorräte; 2. Bestandswohnungen; 3. Wohnkapseln; 4. Gemeinschaftsraum; 5. Gewächshäuser

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